Das Licht hinter den Wolken

Lied des Zwei-Ringe-Lands

Month: September, 2012

Enter the Mariachis

Eine der Glaubenfragen unter Bücherschreibern ist, ob man zum Schreiben Musik hört oder nicht. Ich habe das fast immer getan. “Fairwater” verdankt einen Großteil seiner eigenartigen Stimmung Angelo Badalamenti, nicht David Lynch — ich kannte den Soundrack zu Twin Peaks, aber die Serie noch nicht.

Wer den Roman kennt, weiß auch, dass ich ein Liebhaber der frühen Siebziger und Bands wie Yes oder Genesis oder King Crimson bin. Bei den “Magiern” und dem “Kristallpalast” dagegen haben mich vor allem Soundtracks und Jazz über Wasser gehalten.

Die CDs (ja, ich höre noch CDs), die ich beim Schreiben des “Lichts hinter den Wolken” vor allem hörte, waren eine eklektische Mischung aus Soundtracks und Klassik (erwähnenswert Rimsky-Korsakovs Scheherazade, ohne die das Finale des VI. Teils nicht funktioniert hätte), skandinavischem Retroprog (vor allem Sinkadus und Wobbler habe ich hier einiges zu verdanken), viel Joanna Newsom und einer guten Prise Calexico für die Westernkapitel. Man merkt es: Ich versuche die Stimmungen zu unterstützen, die ich beim Schreiben brauche. Ich mag verspielte Sachen. Und es darf gerne Pathos haben. Ohne ein wenig Pathos glaube ich beim Schreiben nicht so richtig, dass es großen Sinn hat, was ich tue.

Daher zur Feier der Romanabgabe (824 Seiten sind es geworden) Calexico mit einem meiner Lieblingssongs in einer großartigen Liveversion mit Mariachiband und Françoiz Breut (von deren zweitem Album das Lied ursprünglich auch stammt). Dieses Lied (den Text gibt es hier) hat für mich einen direkten Bezug zum Roman … eigentlich sogar nicht nur einen.

Nächste Woche beginnt hier ein neues Gastgespräch — diesmal mit Christoph Lode.

Peinlichkeitscheck

Zu den letzten Handgriffen vor Abgabe gehört auch, seine “Fantasynamen” nochmal gegenzugoogeln.

Meine Namensgebung war nie so konsequent durchdacht wie Tolkiens; auch bin ich von Kindheit auf in meinen Fantasiewelten sehr angelsächsisch geprägt gewesen, von daher haben viele meiner Namen einen englischen Klang (“April” und “Janner” sind wohl das beste Beispiel).

Ich habe mich beim “Licht …” aber um eine halbwegs sinnvolle Verteilung bemüht: Die meisten Namen im alten Imperium sind griechisch-römisch und haben sich in den Provinzen Richtung eines moderneren Italienisch bewegt. Die Heimatsprachen der Provinzen changieren dagegen zwischen romanischen, germanischen und keltischen Einflüssen.

Bei so einem “mixed bag” bietet es sich an, kurz vor knapp noch einmal zu schauen, ob nicht einer dieser Namen einen ungewollten Beigeschmack hat; schließlich möchte man nicht, dass der beste Freund des Helden nach einer sexuellen Praktik oder einem Kriegsverbrechen klingt.

Bisher scheine ich Glück zu haben: Viele meiner Ortsnamen existieren als reale Nachnamen; überraschenderweise waren auch zwei Pferdenamen darunter; gelegentlich landet man bei WoW oder Ähnlichem; es hat sich aber bislang nichts Peinliches ergeben. Natürlich ist “Gull” Englisch für Möwe, “Glaive” kommt aus dem Französischen und bezeichnet je nach Sprache verschiedene Klingenwaffen, und “Conpeccio” heißt auf Italienisch offenbar “mit Fichte” — aber damit kann ich leben.

Da Bilder mehr sagen als alle Sprachen dieser Welt, anbei noch ein Stillleben der aktuellen Situation. Die ungespülten Kaffeetassen dürft ihr euch dazudenken:

Nächste Woche zu dieser Zeit habe ich abgegeben.

Lieblingssätze

Es gibt den schönen Satz, dass ein Buch nie fertiggestellt wird, bloß aufgegeben. Während der Ursprung dieses Ausspruchs ziemlich schwer zu belegen ist (sinngemäß etwas in der Art haben wohl Paul Valéry, E. M. Forster aber auch Leonardo da Vinci schon gesagt) ist mir sein Wahrheitsgehalt in der letzten, vielleicht vorletzten Woche vor Abgabe doch sehr offensichtlich.

Ich habe in einem meiner früheren Posts ja gesagt, dass die Fassungen, die ich abgebe, immer zig mal überarbeitet sind. Momentan ist der Stand der Dinge, dass ich mich in einer Art Vorlektorat befinde; ich habe die letzten Wochen zwei Ausdrucke des Romans abgearbeitet, einmal mit eigenen Korrekturen, einmal mit denen meines Lektors, und nehme jetzt noch letzte Umbauarbeiten vor. Zum Feinschliff gehört für mich auch das Herausarbeiten von Leitmotiven; oder dafür zu sorgen, dass bestimmte “Regeln” konsequent im Roman Anwendung finden (zum Beispiel redet Sarik mit dem Irrlicht ohne Anführungszeichen, das Schwert Schneeklinge ist eine “sie”, kein “es”, usw.)

Nach der Abgabe wird das eigentliche Lektorat beginnen. Irgendwann wahrscheinlich im Oktober werde ich also noch einmal die von meinem Lektor korrigierte Version abarbeiten, dann gebe ich abermals ab. Etwa im Januar werden mich wahrscheinlich die Druckfahnen erreichen, wo ich ein letztes Mal Gelegenheit für kosmetische Korrekturen haben werde. Erst dann ist das Buch – zumindest inhaltlich – tatsächlich “fertig” … oder eben aufgegeben, je nachdem, wie man das sieht. Zur Leipziger Buchmesse ist es dann hoffentlich schon erschienen.

Bis dahin anbei (in aufsteigender Reihenfolge) ein paar meiner Lieblingssätze, die mir bei der Durchsicht wiederholt ins Auge fielen. Ich mag es, unterschiedliche Register zu bedienen, und hoffe, dass auch die Leser die Wortwahl im jeweiligen Kontext als der Situation angemessen empfinden werden:

3.) In der Alten Zeit, als die Eolyn ihre Türme aus Alabaster und Elfenbein gen Himmel bauten, und noch Friede zwischen allen Völkern im Reich bestand, da lebte in Pherenaïs ein Mann namens Iladas, der Handel mit den Kindern des Sommerlands trieb, die im Norden der Insel eine Stadt und einen Hafen besaßen.

2.) Ich erzählte ihm von der Verkettung unglücklicher Umstände, die mich schließlich erst in die Arme der weiten See und dann die der schönen Jasmin getrieben hatte, die ungleich grausamer war als die See, obgleich sie doch so viel süßer duftete, doch da unterbrach er mich wieder und schüttelte den Kopf.

1.) “Dein Sohn war ein Arschloch”, sagte er schließlich, in der Hoffnung, so schneller einen Konsens herbeizuführen. “Er hat gekriegt, was er verdient hat, und ich würde es wieder tun. Ich scheiße auf sein Grab und das seiner Mutter.”

In diesem Sinne: eine frohe Woche!

Peter S. Beagle

Das Manuskript macht Fortschritte. Ich sitze von morgens bis abends am Schreibtisch, korrigiere, übersetze, aber mein Zeitplan ist hart. Wenig überraschend, ergreife ich gern die Gelegenheit für Pausen — und was für einen besseren Grund dafür gäbe es, als den Autor zu treffen, der mich in meiner Jugend mehr als alle anderen geprägt hat?

Die Rede ist von Peter S. Beagle, am besten bekannt für “Das letzte Einhorn”. Sein eigener Favorit ist “Es kamen drei Damen im Abendrot” (The Innkeeper’s Song); mir persönlich hat auch “Das Volk der Lüfte” (The Folk of the Air) immer sehr viel bedeutet. (Eine gute Bibliographie gibt es hier.) Ich habe Peter vor zehn Jahren kennengelernt, als er mich zum PEN-Kongress in Slowenien einlud. Vorausgegangen war eine längere Korrespondenz, die ihren Anfang mit dem “Princess’s Song” nahm. Ich hatte dieses Lied nach einem Gedicht aus dem “Einhorn” geschrieben; die Instrumentalversion kann man sich auf meiner Musikseite anhören (die gesungene Version wird bald nachgereicht). 2007 trafen wir uns ein zweites Mal, diesmal in Oakland.

Letzte Woche war Peter in Magdeburg zu Besuch, als Ehrengast der Eurofurence (Bilder davon gibt es hier). Da sein Aufenthalt in Deutschland leider knapp bemessen war, bin ich kurzerhand hingefahren. Dieser Ausflug hat mich nicht nur von einer Reihe von Vorurteilen gegen die Furry-Szene im Allgemeinen kuriert; es war großartig, sich nach so langer Zeit wieder mit ihm unterhalten zu können.

Peter ist einer der großen Erzähler unserer Zeit, und hat die Fantasy des späten zwanzigsten Jahrhunderts bereichert wie kaum ein anderer (ich würde an dieser Stelle nur noch Matt Ruff und Neil Gaiman nennen). Er hat das Vermächtnis von Autoren wie Dunsany, Cabell, White oder Thurber lebendig gehalten, verfügt über einen unnachahmlichen Humor und ist ein Meister der Charakterzeichnung. Seine Figuren sind nie ohne Fehler, aber er behandelt sie nie ohne Respekt. Selbst seine Bösewichte wecken Sympathie. Ich möchte Peter nicht imitieren, aber sein Einfluss ist mir bewusst: Die “Magier von Montparnasse” verdanken dem Innkeeper’s Song ihre Erzählweise, und Alphonse leiht sich nicht selten Karschs Stimme, wenn er Justine zusammenstaucht.

Peters Lebensgeschichte nimmt sich wie das Who is who der amerikanischen Künstlerszene aus. Seine erste Agentin entdeckte John Steinbeck, schon in jungen Jahren lernte er Leute wie Arthur Miller und Marilyn Monroe kennen. Er belegte Creative Writing in Stanford gemeinsam mit Autoren wie Larry McMurtry (Drehbuch zu “Brokeback Mountain”) und Ken Kesey (“Einer flog über das Kuckucksnest”). Mit Christopher Lee und René Auberjonois verbinden ihn langjährige Freundschaften. Mir fällt dabei immer auf, wie uneins die deutsche Kulturlandschaft im Vergleich dazu doch ist; und wie undurchlässig die Genregrenzen hierzulande gleichzeitig scheinen.

In jedem Fall ist Peter einer der wenigen Menschen, die ich kenne, die es geschafft haben, ihr Leben ganz in den Dienst der einen Sache zu stellen, die sie besser können als alles andere, und besser als die meisten von uns. Und dann hat man ihn noch lange nicht singen gehört (PS: Dies ist das Lied von George Brassens, auf dem das Gedicht basiert, das ich für “Die Einhörner” übersetzt habe. Es lohnt sich, auch nach Peters Filk-Songs Ausschau zu halten).