Das Licht hinter den Wolken

Lied des Zwei-Ringe-Lands

Month: October, 2012

Cassiopeia (2)

Letzte Woche gab es eine neue Leseprobe vom Beginn des letzten Handlungsstrangs, der dem “Licht …” noch fehlt. Darin fährt die Senatorentochter Cassiopeia gerade ihrem ungewissen Schicksal auf der Insel der Krieger, Leiengard, entgegen. Diese Woche gibt es noch ein paar Beispiele dafür, wie Romane, Rollenspiel und Musik bei mir durcheinandergehen; das eine entsteht oft aus dem anderen und führt manchmal zum Dritten.

Zum Beispiel ist das Bild links genau wie die Faunenbilder, die ich diesen Sommer veröffentlich habe, schon gut zwanzig Jahre alt. Zwar habe ich die perspektivische Verkürzung darauf nicht ganz hingekriegt, dafür beweist es immerhin, dass ich dank eines gelehrten Freunds in meinem Jahrgang (ja, da saß ich noch in der Schule) schon Anfang der Neunziger fließend Tengwar schreiben konnte.

In den Jahren darauf war mir Cassiopeia Inspiration für verschiedene Projekte, nicht zuletzt einige Lieder, die zunächst auf der Gitarre entstanden und dann nach und nach auf dem Keyboard umgesetzt wurden. Drei dieser Lieder kann man aktuell auf der Musikseite meiner Homepage anhören. Dabei sollte man sich allerdings darüber im Klaren sein, dass Cassiopeias musikalische Reise auch nur eine von vielen Variationen ihrer Geschichte darstellt: Ich werde den “Wahrheitsgehalt” dieser Titel und ihres Begleittextes (der nun auch schon wieder mehrere Jahre alt ist und einige Spoiler zu enthalten scheint) also nicht kommentieren.

Eine neuere Version des letzten Lieds diente auch als Untermalung für den “Fairwater”-Trailer von Olga A. Krouk (dafür sollte man allerdings die Bässe an seinem Rechner voll aufdrehen — sofern man welche hat — sonst hört man sie nicht).

Cassiopeia (1)

Die vergangen Wochen habe ich bereits mehrere Charaktere und Handlungsstränge vorgestellt: Die ersten Leseproben zeigten April erst als kleines Mädchen und dann als jugendliche Ausreißerin, den Zauberer Sarik und Janner, den Fealv.

Ein Handlungsstrang und zwei wichtige Charaktere aber fehlen noch, und dazu gibt es diese Woche eine neue Leseprobe.

Cassiopeia ist ein Charakter, der mir schon sehr lange nachgeht. Auch sie erblickte vor langer Zeit das Licht der Welt zunächst im Rollenspiel, um dann in mehren Welten und Inkarnationen wiedergeboren zu werden. Sie hatte die Hauptrolle in einem nie veröffentlichen Shadowrunroman, den ich mit Anfang zwanzig schrieb, tauchte in “Fairwater” immerhin als Sternbild auf und stand um ein paar Ecken auch Patin für Miss Niobe im “Kristallpalast”. Im “Licht hinter den Wolken” sah ich endlich die Gelegenheit, ihre Geschichte in der Form zu erzählen, die ich mir immer gewünscht hatte. Daraus wiederum ergab sich nicht zuletzt die griechisch-römische Nomenklatur im Kaiserreich und sogar das Volk der Phereniden; in Cassiopeia und ihrer Geschichte vereinen sich viele Fantasy-Ideen, die mich in meiner Jugend tief beeindruckt haben, von Conan bis Elric von Melniboné.

Auf die einfachste Formel gebracht, ist Cassiopeia aber eine stolze junge Frau, die fest entschlossen ist, die härteste Kriegerschule der Welt zu durchlaufen, weil sie glaubt, nur so den Mord an ihrer Familie rächen zu können. In obiger Leseprobe — die wahrscheinlich die letzte sein wird, die ich bis zum Erscheinen des Buches im März noch veröffentliche — fährt sie diesem Ziel gerade entgegen.

Sneak Preview

Am Rande der Frankfurter Buchmesse ergab sich auch die Gelegenheit, einen kurzen — kurzen! — Blick hinter die geheimnisvollen Kulissen von Klett-Cotta zu werfen. Es geht jetzt schon mit Riesenschritten voran, aber alles ist noch höchst mysteriös und inoffiziell — was sich wahrscheinlich nächsten Monat irgendwann ändern wird. Aaaaber … einfach mal das Bild links klicken!

Das Cover ist von Max Meinzold, der auch die neue Ausgabe des “Hobbit” illustriert hat. Auch der Erscheinungstermin im März, rechtzeitig zur Buchmesse, ist wohl mittlerweile spruchreif. Es wird auch Illustrationen geben. Und eine Karte im Einband … Aber pssst! Von mir habt ihr das nicht :)

Gastgespräch mit CHRISTOPH LODE, Teil 2

Letzte Woche begann an dieser Stelle ein Gespräch mit meinem Kollegen Christoph Lode. Heute folgt der zweite Teil.

Oliver: Voraussichtlich nächsten Monat wirst du deine Kurzgeschichtensammlung mit dem Arbeitstitel “Schattentänzer” als Ebook veröffentlichen. Da ich selbst ein großer Fan von Kurzgeschichten und dem DIY-Ansatz beim Publizieren bin, macht mich das neugierig … wahrscheinlich versuche ich nächstes Jahr etwas Ähnliches. Wie kam es bei dir dazu?

Christoph: Ich habe seit vielen Jahren eine Kurzgeschichte und eine Erzählung in der Schublade (die in Wirklichkeit eine Festplatte ist), die ich unbedingt unters Volk bringen möchte. Leider wusste ich lange Zeit nicht, wie — in Deutschland ist es sehr schwer, Prosa zu veröffentlichen, die kein Roman ist. Hier bietet das E-Book natürlich tolle Möglichkeiten. Ich schrieb eine zweite Kurzgeschichte, die inhaltlich mit der ersten Story zusammenhängt, ließ die Texte lektorieren und brachte sie mit Kindle Direct Publishing bei Amazon heraus: So entstand “Schattentänzer”.

Ich bin sehr gespannt, wie das E-Book aufgenommen wird. In den Kurzgeschichten führe ich einen klassischen Sword&Sorcery-Charakter ein, den ich gerne ausbauen würde. Wenn “Schattentänzer” gut ankommt, schreibe ich vielleicht weitere Geschichten über diese Figur. Außerdem überlege ich, das Ganze shared-universe-mäßig aufzuziehen, also weitere Autoren an dem Konzept zu beteiligen.

O: Die Idee ist reizvoll (und wir brauchen jetzt auch nicht so zu tun, als hätten wir nicht schon darüber geredet …) Ich muss gestehen, noch habe ich keinen Ebook-Reader, und Kindle für PC ist hierzulande leider ein Witz. Laut Amazon verhindert unser Urheberrecht beispielsweise die Implementierung einer copy&paste-Funktion. Ich wüsste wirklich gerne, was die rechtlichen Hindernisse für so etwas sind, und welche Neuerungen, beispielsweise der virtuelle Buchverleih oder ein brauchbares VoD-Angebot, hierzulande von Verlagen oder Verwertungsgesellschaften blockiert werden.

C: Ich bin kein Jurist und kenne das Urheberrecht leider nicht gut genug, um einschätzen zu können, ob Neuerungen in der Unterhaltungsindustrie rechtlich nicht umsetzbar sind oder ob sie von Branchengrößen bewusst blockiert werden. Vermutlich liegt die Wahrheit wie so oft irgendwo dazwischen. Natürlich nehmen Medienkonzerne Einfluss auf die Gesetzgebung — das sieht man ja gerade bei dem unsäglichen Leistungsschutzrecht. Trotzdem ist die Wirklichkeit nicht so schwarz-weiß, wie die Urheberrechtsgegner, aber auch die -hardliner, sie gerne darstellen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass ein starkes Urheberrecht notwendig ist und eine Wissensgesellschaft ohne nicht funktioniert. Aber wenn ich bei der jüngsten Debatte um das Urheberrecht eins gelernt habe, dann, dass es sich lohnt, auch die Argumente der (vermeintlichen) Gegenseite — in unserem Fall wohl die Piratenpartei — anzuhören. Vieles, was die Piraten wollen, ist so dumm nicht und könnte helfen, Druck aus dem Kessel zu nehmen und das Urheberrecht ins digitale Zeitalter zu führen.

Bleibt halt das leidige Thema Filesharing. Filesharing großflächig zu legalisieren, wie die Piraten es immer noch fordern, wäre für viele Urheber und Verwerter sicher hochproblematisch. Und einen goldenen Mittelweg zwischen Verbot und Legalisierung scheint es hier nicht zu geben. Aber vermutlich wird sich das Problem in den nächsten Jahren von selbst lösen, wenn sich immer mehr legale, bequeme und bezahlbare Vertriebswege für digitale Inhalte durchsetzen.

O: Das wäre sich der beste Weg. Und es hat sich ja schon einiges getan in punkto Kundenfreundlichkeit — siehe Amazon mit ihren mp3s oder Tor Books mit ihren DRM-freien Büchern. Gerade wir sind da doch in einem, sagen wir mal dialektischen (oder trialektischen?) Prozess gefangen: Als Leser oder Dozent würde ich gerne Texte kopieren; als Autor würde ich gerne Bücher verkaufen; als Bürger würde ich gerne vom Staat nicht überwacht werden. Wer das hinkriegt, gewinnt das Internet.

Die digitale Welt bereitet mir aber keine schlaflosen Nächte; eher schon, wie die Diskussion darüber manchmal geführt wird. Ich halte die Piratenpartei jedenfalls für eine bereichernde Kraft im politischen Spektrum, und fühle mich auch nicht von irgendwem bedroht. Vielleicht werden wir uns irgendwann auch wirklich von der Idee verabschieden, Bücher, CDs oder Filme als physische Artefakte zu handeln und stattdessen nur noch unsere Downloads zählen.

Momentan vertraue ich aber noch auf den Mehrwert des gedruckten Buchs mit Cover, Bildern usw. Und die Verkaufszahlen von Ebooks hierzulande scheinen mir recht zu geben, obgleich wohl auch aufgrund der erwähnten Probleme und der oft wenig attraktiven Preisgestaltung der Verlage. Meinst du denn, Ebooks erreichen bei uns in absehbarer Zeit vergleichbare Zahlen wie in den USA?

C: Sicher nicht in den nächsten ein bis zwei Jahren. Aber wer weiß, wie es in fünf aussieht? Ich kann mir schon vorstellen, dass das Ebook in näherer Zukunft einen Marktanteil von 30-40% haben wird. Überhaupt finde ich es sehr spannend zu beobachten, wie sich der Buchmarkt in den nächsten Jahren entwickeln wird. Ich denke, da kommen noch einige Umwälzungen auf uns zu. Was sind deine Prognosen?

O: Es lässt sich jedenfalls beobachten, dass Ebookreader auch ein neues Publikum erschließen, oder Lesen in Umständen erlauben, in denen Bücher eher unpraktisch sind. Und solche Innovationen gehen naturgemäß auch gut mit Inhalten einher, die technikaffine Leser ansprechen. Von daher denke ich, dass gerade in den Bereichen Science Fiction und Fantasy sich schneller etwas tut als in anderen Genres.

C: Davon gehe ich auch aus. Ich sehe das ganz deutlich an meinen Ebook-Verkaufszahlen: Von meinen Fantasybüchern habe ich wesentlich mehr Ebooks verkauft als von den historischen Romanen. Ich bin gespannt, wohin die Reise geht. Der Untergang des Abendlandes ist das Ebook jedenfalls nicht, und auch das Ende des Lesens sehe ich nirgendwo heraufdämmern. Verlage und Schriftsteller wird es weiterhin geben. Kritisch wird es allenfalls für den klassischen stationären Buchhandel: Ich vermute, hier wird es die größten Umwälzungen geben. Aber wie genau die aussehen, da wage ich mal lieber keine Prognosen. Technikfolgen lassen sich nur schwer abschätzen. Ich meine, wo sind die fliegenden Autos, die man uns in den 50ern für die Jahrtausendwende versprochen hat?

O: Warten wir auf die nicht alle …?

Gastgespräch mit CHRISTOPH LODE, Teil 1

Christoph Lode, geboren 1977, wuchs in Hochspeyer bei Kaiserslautern (Rheinland-Pfalz) auf. Nach dem Abitur studierte er in Ludwigshafen am Rhein und arbeitete anschließend im Öffentlichen Dienst, zuletzt in einer Psychiatrischen Klinik bei Heidelberg. Bereits mit seinen ersten beiden historischen Romanen, “Der Gesandte des Papstes” und “Das Vermächtnis der Seherin”, sorgte er ebenso für Furore wie mit der großen Fantasy-Trilogie “Pandæmonia”. Heute widmet er sich ganz dem Schreiben. Er ist verheiratet und lebt in Mannheim.

Oliver: Willkommen auf meinem Blog, schön, dass du meiner Einladung gefolgt bist. Also dann … leg einfach mal los!

Christoph: Das Setting von “Das Licht hinter den Wolken” geht auf eine alte Fantasy-Rollenspiel-Welt von dir zurück, wie du in diesem Eintrag ja berichtest. Wie unterscheidet sich die Romanwelt von der Rollenspielversion?

O: Das Zweiringeland, wie der Kontinent heißt, ist im Roman weniger überfüllt. Die Rollenspielwelt beherbergte über ein Dutzend verschiedene Völker, viele davon auf Grundlage Tolkiens. Davon sind im Roman nur 4 geblieben — und Fealva, Eolyn und Timei sind alle nicht so schrecklich häufig. Dieses “Downsizing” war auch deshalb nötig, weil es mir im Rollenspiel zwar nichts ausmacht, Ideen aus anderen Büchern oder Filmen zu übernehmen — aber in meinen Romanen habe ich den Anspruch, möglichst eigenständig aufzutreten. Auch wenn man z.B. den Eolyn ihre elfischen Wurzeln noch deutlich anmerkt.

C: Weltenbau für Romane vs. Weltenbau für Rollenspiele — wo siehst du Unterschiede in der Herangehensweise?

O: Meine Rollenspielwelten gehorchten meistens dem Motto “von allem ein bisschen”, damit jeder Spieler etwas fand, das ihm Spaß macht. Romanwelten sollten aber möglichst eng mit der Geschichte verzahnt sein, quasi maßgeschneidert — im Extremfall kann man vielleicht gar keine andere Geschichte darin erzählen (Mittelerde ist ein gutes Beispiel hierfür). Zwar schafft es Atmosphäre, auf vergangene Zeiten und ferne Länder hinzuweisen; Tolkien tut das im Herrn der Ringe ständig. Aber er wusste auch, was in den Anhang gehört, und was in die Geschichte.

Von daher taucht auf der Karte des “neuen” Zweiringelands, an der ich gerade arbeite, fast nichts auf, was nicht auch handlungsrelevant ist. Ich möchte mir allerdings die Möglichkeit offenhalten, eines Tages ins Zweiringeland zurückzukehren; deshalb gibt es noch genug Platz auf dieser Karte.

Wie bist Du denn beim Weltenbau für “Pandæmonia” vorgegangen? Hast du von Anfang an eine Welt für drei Bücher entworfen, oder hast du die Welt von Band 1 nach und nach ausgebaut?

C: Ich hatte schon bei der Arbeit an Band 1 eine ungefähre Vorstellung von der Welt, wobei ich zunächst nur den Stadtstaat Bradost, den wichtigsten Schauplatz, im Detail ausgearbeitet habe. Da die Protagonisten der Trilogie recht bald feststellen, dass es nicht nur eine Realität gibt, sondern mindestens drei, musste ich außerdem das Traumreich sowie das titelgebende Pandæmonium und ihre jeweiligen Gesetzmäßigkeiten definieren. In Band 3, als die Protagonisten erstmals ihre Heimatstadt verlassen, habe ich dann endlich auch den Nachbarländern Bradosts Konturen und eine ordentliche Geographie verpasst. Hier lag der Schwerpunkt natürlich auf dem Dschungel- und Wüstenreich Yaro D’ar.

Genau wie du hatte ich beim Weltenbau den Anspruch, etwas zu schaffen, das man nicht schon tausendmal gelesen hat. Deshalb stand schon früh fest, dass ich vom gängigen tolkienesken Fantasy-Mittelalter weggehen und mich eher am 19. Jahrhundert orientieren würde. Bei Bradost merkt man diesen Ansatz am deutlichsten: Es erinnert stark an das früh-viktorianische London plus Alchemie plus Schattenwesen plus einen Schuss Steampunk für die richtige Würze.

O: Gerade die Elemente haben mir auch besonders gut gefallen — ich finde es immer spannend, Genregrenzen zu strapazieren. Du schreibst ja auch Historienromane. Siehst Du da als Autor Unterschiede zur Fantasy? Bislang habe ich den Eindruck, dass das Erfinden und das Recherchieren einer Welt exakt gleich viel Arbeit bereiten …

C: Der Arbeitsaufwand dürfte tatsächlich in etwa gleich sein, die Vorgehensweise ist aber schon eine andere. In der Fantasy ist man sehr viel freier in der Gestaltung des Romansettings, während die Leser und Leserinnen historischer Romane eine hohe Faktentreue erwarten. Für “Pandæmonia” habe ich zwar auch recherchiert, aber hier eher mit dem Zweck, Ideen zu sammeln.

Als ich die erste Fassung von “Das Licht hinter den Wolken” las, hatte ich den Eindruck, dass du ähnlich vorgegangen bist: Manche Kulturen erinnern zumindest vage an irdische Reiche bzw. Gesellschaften der frühen Neuzeit – das Strahlende Reich etwa ähnelt dem Römischen Reich und Byzanz. Hier und da bist du aber auch in eine ganz andere Richtung gegangen; besonders interessant fand ich die Elemente aus Western- und Mafia-Filmen, die du einfließen lässt. Was hat dich dazu bewogen?

O: Das ging wohl auf meine Idee zurück, einmal einen Roadmovie in einer Fantasywelt zu erzählen; irgendwas zwischen True Romance und Wild at Heart. Das Spaghetti-Western-Ambiente war die einfachste Möglichkeit, so einer Geschichte den passenden Rahmen zu geben. Ich wollte das technisch-kulturelle Gleichgewicht der Welt ja auch nicht komplett kippen; dennoch bezweifle ich, dass Authentizitäts-Freaks ihre Freude mit dem Roman haben werden. Es ist eher ein modernes Spiel mit alten Klischees — zumindest sehe ich es gerne so. Die Szene, in der Janner und Krayn sich anschicken, eine Dorfkneipe auseinanderzunehmen, ist für mich gedanklich auch meine “Tarantino-Szene”.

C: Reden wir mal über Romanfiguren. Wie gehst du vor, wenn du einen wichtigen Charakter, einen Protagonisten und Perspektivträger, kreierst?

O: Die Frage fällt mir ehrlich gesagt schwer. Manche Charaktere, wie Justine in den “Magiern”, entstehen aus der Notwendigkeit von Setting und Geschichte, andere, wie Sarik im “Licht …”, sind Charaktere, die mir noch aus Rollenspielzeiten nachgehen. Ich muss gestehen, wenn ich einen Charakter mal “vor mir sehe” oder “seine Stimme höre” ist er für mich genauso selbstverständlich “da” wie der Rest des Settings. Das heißt, ich kann Dir ehrlich nicht sagen, wie ich sie “erschaffe”, weil ich es nicht als “erschaffen” empfinde. Wie ist das bei dir?

C: Ich versuche, möglichst viele Figuren vor dem Schreiben auszuarbeiten, indem ich die Äußerlichkeiten (Aussehen, bevorzugte Kleidung usw.) festlege und mir Charakterzüge überlege. Bei wichtigen Figuren schreibe ich meistens sogar eine stichpunktartige Vita. Das fällt mir mal leichter, mal schwerer — manche Figuren sind sofort da, während ich andere kleinteilig erarbeiten muss. Beim Schreiben ändert sich dann noch mal viel, weil ich merke, dass die eine oder andere Überlegung nicht so gut passt, wie ich dachte. Wenn ich die erste Fassung des Romans überarbeite, kann es außerdem sein, dass ich mir einzelne Figuren noch einmal genau anschaue und prüfe, wie sie im Gesamtbild wirken. Wenn ich da Unstimmigkeiten feststelle, betone ich bestimmte Charakterzüge und verringere andere oder entferne sie ganz.

Am wichtigsten ist mir dabei, dass eine emotionale Bindung zur Figur entsteht — dass der Leser die Protagonisten sympathisch findet, Anteil an ihrem Schicksal nimmt und ihnen bereitwillig durch ihre Geschichte folgt. Denn wenn das nicht klappt, wird er das Buch weglegen. Sehe ich ja an meinem eigenen Leseverhalten: eine unsympathische, uninteressante Hauptfigur — und ein Roman ist für mich gestorben.

O: Sympathische Figuren sind in der Tat sehr wichtig. Ich denke aber, dass die meisten Leser mit einer “Unschuldsvermutung” an Figuren herangehen, das heißt, sie versuchen erst mal, sich mit ihnen zu identifizieren, solange die sich nicht als Unsympathen herausstellen. Ich gehe optimistisch davon aus, dass meine Charaktere alle bis zu einem gewissen Grad eher sympathisch sind. Zumindest hatte ich immer große Schwierigkeiten, wirklich “böse” Charaktere zu zeichnen, ob im Rollenspiel oder anderswo — von daher wäre es ziemlich schlecht, wenn mir beides nicht gelänge …

Am schwierigsten fand ich beim “Licht …”, dass meine Charaktere erstmals fast allesamt Mörder sind. Ich meine, der Roman spielt in einer Fantasywelt — da kämpfen die Leute mit Schwertern und die Gegner fallen um. In Filmen nimmt man das relativ gelassen, aber im geschriebenen Text fand ich das erst gewöhnungsbedürftig, vor allem, weil meine Figuren sonst dazu tendieren, relativ “modern” zu denken. Auch hier ist der beste Vergleich wohl der zu einem Roadmovie. Komischerweise gewöhnt man sich mit der Zeit daran.

Es gibt natürlich Tricks und Kniffe, Sympathie zu steuern: wieviel Unrecht einem Charakter widerfährt, sein Verhalten gegenüber Nebenfiguren, oder — ganz perfid — Tieren. Und man sucht immer nach Möglichkeiten, Figuren in möglichst intimen Momenten zu zeigen, in denen sie eine neue Seite von sich enthüllen. Aber ich bin immer sehr froh, wenn mir eine Szene gelingt, nach der ich sagen kann: Das ist der Charakter, so und nicht anders.´Schaffst du das denn bewusst zu steuern?

C: Ich versuche es. Manchmal gelingt das instinktiv auf Anhieb, manchmal ist es aber auch ein langwieriger Prozess, bei dem ich viel ausprobieren und umschreiben muss, bis ich das Gefühl habe: Jetzt stimmt es. Dabei greife ich zu ähnlichen Mitteln wie du. Auch wenn sich das jetzt etwas sadistisch anhört: Ich glaube, es ist wichtig, seinen Hauptfiguren möglichst viel Schlimmes anzutun. Denn nur so entsteht dramatischer Konflikt, und nur so kann der Leser mit den Figuren mitleiden. Und natürlich ist Humor immer noch der beste Trick, das Herz des Lesers zu erobern. Wenn man es schafft, die Leute zum Lachen zu bringen, hat man schon gewonnen. Leider ist Humor extrem schwer …

Fortsetzung nächste Woche: Über Ebooks, Piraten und den ganzen Rest.