Weihnachtszeit ist Tolkienzeit

by Oliver Plaschka

Klett-Cotta pflegt natürlich eine besonderes Verhältnis zum Hobbit, nicht erst seit dem aktuellen Programm. Michael Klett, Sohn des damaligen Verlagschefs Ernst Klett, ist es zu verdanken, dass Tolkiens Werk überhaupt ins Programm genommen wurde. Und heute, über vierzig Jahre nach dieser begrüßenswerten Entscheidung, ist Tolkiens Einfluss auch auf die deutsche Fantasy so immens, wie es in einem keinen anderen Genre denkbar wäre.

Gestern waren wir also im Hobbit, und zwar so, wie Peter Jackson das gewollt hätte: in 3D, HFR OV. Ersteres ist für mich immer noch ein Nullsummenspiel (es bringt im selben Maße Mehrwert, wie es mich auch stört); über die höhere Bildfrequenz könnte ich dasselbe sagen; den Film auf Englisch zu schauen (das haben Freunde, die ihn zuvor auf Deutsch sahen, bestätigt), war auf jeden Fall ein Gewinn. Es folgen ein paar nicht ganz unkritische Gedanken zum Film, “mild spoilers” inklusive.

Um es gleich zu sagen: Ich bin kein besonderer Fan der Peter-Jackson-Filme. Ich lehne sie nicht ab, aber sie berühren mich auch nicht derselben Weise wie die Bücher. Teilweise liegt das daran, dass sich Jacksons Liebe zum Detail nicht mit einem ordentlichen Schnitt zu vertragen scheint; alle seine Tolkien-Verfilmungen wirken bereits wie der Director’s Cut ihrer selbst, und das von vielen Kritikern angesprochene “Heimvideo-Feeling” des jüngsten Films rührt nicht nur von den 48 Frames, sondern auch dem Umstand, dass die Charaktere oft minutenlang in theatral arrangierten Bühnenbildern herumstehen, in denen einem die Dialoge nichts über das Gesehene Hinausgehende vermitteln. Aufgebrochen werden diese Längen von relativ sinnfreien Actionsequenzen, in denen Charaktere wie Gandalf Gefahr laufen, ihre Gravitas zu verlieren, und die ungeahnte Schärfe des dreidimensionalen Bildes für eine Überfrachtung des Geschehens sorgt, wie man sie sonst nur aus Massenszenen in PC-Spielen kennt. Der Film verliert in diesen Momenten im wahrsten Sinne seinen Fokus.

Als positiv empfand ich dagegen die schauspielerische Leistung insbesondere Martin Freemans sowie die Passagen, in denen Jackson sich traute, auf kreative Weise mit der Vorlage umzugehen. Auch die Szenen im Düsterwald fand ich keineswegs so grenzwertig wie andere Zuschauer; im Gegenteil waren es gerade diese Szenen, die für mich den Eindruck einer magischen Welt lebendig machten, die von den Kräften des Lebens und der Elemente selbst regiert wird, und in der Menschen eine allenfalls marginale (in diesem Film: gar keine) Rolle spielen.

Ich muss gestehen, es ist lange her, dass ich Tolkien gelesen habe. Aber was mich an den Büchern mehr als alles andere fasziniert hat, war, dass in jedem Moment der Handlung Tolkiens Welt und ihre schiere Weite durchschimmerte — und nicht nur auf der räumlichen Achse: Man spürte ebenso die Welt, die davor, und die, die jenseits davon lag. Was mich als Leser bei der Stange hielt, war das Versprechen, den Hintergrund all der Lieder und Legenden zu erfahren. Und für die Charaktere lautete das Versprechen, Teil dieser größeren Geschichte zu werden, in der sie dann regelrecht aufgingen, bis sie am Ende auf den Elbenschiffen am Horizont entschwanden.

Diese Faszination übt Der Hobbit – Eine unerwartete Reise nur in sehr wenigen Momenten aus; vor allem naturgemäß denen, in denen Jackson auf Bekanntes aufbauen kann. Der Auftritt Galadriels und Sarumans in Bruchtal war für mich ein solcher Gänsehautmoment; und Bilbos Begegnung mit Gollum war es auch. Dazwischen aber gab es zu viele Szenen, die man sich besser für einen Director’s Cut aufgespart hätte.