Das Licht hinter den Wolken

Lied des Zwei-Ringe-Lands

Month: March, 2013

Frühjahrszeit wird Martinzeit

Am Wochenende startet in den Staaten die dritte Staffel von Game of Thrones. Auch ich freue mich schon sehr darauf, wie die Geschichte weitergeht (und werde wohl wieder ziemlich lang Seiten wie io9 nur noch mit größter Vorsicht besuchen können). Erst war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt was dazu sagen soll (man muss als Fantasy-Autor ja schon ziemlich bescheuert sein, sich selbst solche Messlatten zu legen), aber ich habe im Winter auch was zu Tolkien gesagt, deshalb sage ich jetzt auch noch was zu Martin.

Zunächst muss ich, man ahnt es schon, gestehen, dass ich die Bücher gar nicht gelesen habe. Dabei ist es schon über zehn Jahre her, dass mir ein guter Freund aus Creative Writing den ersten Band ans Herz legte. Irgendwie wurde ich aber nicht warm damit. Vielleicht war es auch einfach der falsche Zeitpunkt. Jedenfalls setzte bald darauf der ganze “Hype” ein, andere Freunde waren schon unglücklich über Band 4, und meine Motivation, es doch noch zu versuchen, sank dementsprechend. Spätestens, als bekannt wurde, dass HBO sich der Reihe annimmt, beschloss ich dann, mir die Geschichte lieber als “gekürzte Ausgabe der spannenden Teile” anzusehen. Und die Serie macht mir sehr großen Spaß. Alles, was ich sage, muss man also durch die Brille von jemandem sehen, der von der Serie und den Gesprächen mit Dritten auf die Bücher zurückschließt.

Was mich an Martins Geschichte also beeindruckt, sind gar nicht mal die Dinge, die meistens genannt werden. Die personale Erzählsituation hat er nicht erfunden, er hat sie vielleicht aber besonders stur durchgezogen. Ein Freund (belesener als ich) hat in seinem Blog etwas Interessantes zu den Problemen gesagt, die dadurch entstehen können:

Möglicherweise ist dieses enge erzählerische Korsett, das sich Martin da verpasst hat, mit schuld daran, dass die Serie ab Band 3 ausufert und in zahllose Nebenplots zerfasert. Mit dieser formalen Struktur, so reizvoll sie auch ist, kann er keine Ereignisse schildern, bei denen kein Perspektivträger zugegen ist – oder er muss zu sperrigen Tricks greifen, etwa indem er eine Nebenfigur von dem Ereignis berichten lässt. Aber weil Martins Welt groß und komplex ist, passiert zwangsläufig ständig etwas ohne einen Perspektivträger, weshalb er immerzu neue erfinden muss, um teilnehmende Beobachter zu haben. Die brauchen dann aber wieder ihre eigene Geschichte, weshalb überall Subplots aus dem Boden schießen …

Ich weiß nicht, ob das der Hauptgrund dafür ist, dass seine Geschichte so auszuufern scheint, aber mir ist etwas Ähnliches im Kleinen durchaus mit den “Magiern” passiert — der Zwang, einen Charakter “vor Ort” haben zu müssen, führt tatsächlich zu einem “Mehr” an Szenen, die man sonst nicht gebraucht hätte.

Was die Figurenentwicklung betrifft, so finde ich es zumindest in der Fernsehserie recht offensichtlich, wer am Ende noch dabei sein wird, und wer nicht. Auch Neds Tod sah ich ab einem bestimmten Zeitpunkt kommen. Ich glaube gern, dass sich das in den Büchern anders verhielt. Andererseits empfände ich es auch gar nicht mal so als Gewinn, wenn Figuren tatsächlich willkürlich sterben würden. Das berührt nun eher grundsätzliche Fragen der Dramaturgie, und inwieweit man sich als Autor bestimmten Erwartungshaltungen verweigert.

Solche Brüche sind interessant, wenn man sie das erste Mal vollzieht. Verwehrt man seinen Lesern aber wirklich konsequent einen klaren Handlungsbogen, zu dem auch das Wechselspiel von Schuld und Sühne und Katharsis gehört (wenn sich Jon Snow also zum Beispiel im nächsten Buch beim Wandern zufällig das Bein bräche und an Wundbrand stirbt), schlagen sie es einem irgendwann um die Ohren. Besonders in einem Fantasyroman, weil sich Fantasy nie ganz von der Sphäre des Archetypischen und Mythischen wird freimachen können. L. Sprague de Camp sagte einmal, Fantasywelten seinen Welten, wie sie sein sollten, um gute Geschichten abzugeben. Dasselbe gilt auch umgekehrt: Fantasy erzählt Geschichten, wie sie sein sollten, um gute Welten abzugeben. (Wenn sich an Jons Tod durch Wundbrand also das Schicksal von Westeros entschiede, wäre es zwar immer noch ein hässlicher, aber “sinnvoller” Tod.)

Allein, dass Martin mit diesen Schwierigkeiten spielt — und damit beweist, dass er sich der Regeln seines Genres und seiner Welt vollauf bewusst ist — ist aber spannend mit anzusehen. Und die Hingabe und Ernsthaftigkeit, mit der er das tut, ist vielleicht sein wahres Geschenk an die Fantasy. Zu Tolkiens Zeiten, in Tolkiens Welt, wäre der Tod eines Ned Stark insbesondere unter solchen Vorzeichen noch undenkbar gewesen. Martin aber jongliert mit den seit Jahrzehnten gefestigten Erwartungshaltungen seiner Leser und leistet für die Fantasy damit etwas Ähnliches wie Battlestar Galactica (wenn wir die letzte Staffel mal eben vergessen können) für die Science Fiction. Er schafft etwas Neues.

Dabei verlangsamt er seine Handlung ins Unendliche, zugunsten einer ungeahnten Detailflut und Tiefe der Charakterzeichnung. Natürlich ist so etwas ein zweischneidiges Schwert — hier wäre Lost vielleicht ein gutes Beispiel: Wenn man jeden Charakter schon auf jede erdenkliche Weise erlebt hat (glücklich, traurig, am Boden zerstört, am Ziel seiner Wünsche, in Vergangenheit, Zukunft und einer anderen Welt) lösen sich die Grenzen zwischen den Figuren und ihren Biographien irgendwann auf. Und wenn die Lektion dabei, wie in vielen zeitgenössischen (Anti-)Heldengeschichten, immer die gleiche zu sein scheint — dass nämlich nur die Harten und Gemeinen überleben, und die Welt ‘nichts für Mädchen’ ist — wird das irgendwann genauso langweilig, wie wenn das Gute immer obsiegt.

Genau hierauf — ob es also ein “Happy End” geben wird und wie “happy” genau das dann ausfällt — bin ich sehr gespannt. Bis dahin gilt, dass ich die Geschichte einer höfischen Intrige in einer interessanten Fantasywelt jederzeit der Geschichte einer höfischen Intrige in unserer vorziehen würde. (Ich würde wahrscheinlich sogar die Geschichte eines Mannes, der in einer interessanten Fantasywelt Zigaretten kaufen geht, derselben Geschichte in unserer Welt vorziehen.) Und Martins Welt ist interessant, in ihrer eigenen, rauen Schönheit, und seine Intriganten haben deutlich mehr Tiefe als beispielsweise die in The Tudors, wo ich trotz toller Schauspieler irgendwann vor lauter ununterscheidbaren, machtgierigen Typen in schwarzer Klamotte, die alle das Gleiche taten, sagten und wollten, die Lust verlor.

Solange Martin es schafft, dieses hohe Niveau und diesen Spagat zwischen traditionsgeprägten Erwartungshaltungen auf der einen und ketzerischer Originalität auf der anderen Seite zu halten, und dabei seine Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren, setzt A Song of Ice und Fire sicherlich einen neuen Maßstab, an dem sich Weltenbauer und Geschichtenerzähler noch lange Zeit werden messen lassen müssen.

Leipziger Buchmesse: Licht

Die Leipziger Buchmesse ist für die meisten Autoren, die ich kenne, die wichtigste Messe im Jahr. Nirgends sonst trifft man so viele Kollegen, Verleger und Freunde auf engem Raum, gerade als Fantasy-Autor. Und noch nie hatte ich so viele Termine wie dieses Jahr.

Zunächst war am Freitag die Lesung auf der Fantasy-Leseinsel, die wie immer gut besucht war. Im Anschluss gab es ein Video-Interview mit Heiner Wittmann für den Verlags-Blog, das mittlerweile auch schon online steht:

Weiter ging es am Samstag mit einer sehr sympathischen Lesung in der AusbildBar der Gutenbergschule Leipzig, einem Pressetermin für die dpa und abends der Abschlusslesung in der zauberhaften Chocolaterie, wo wir noch bis spät bei fester und flüssiger Schokolade zusammensaßen und Bücher und Filme und Gott und die Welt diskutierten.

Nebenher hatte ich massenhaft tolle Gespräche und Begegnungen mit gefühlt so ziemlich jedem von Klett-Cotta, inklusive ihrem diesjährigen Ehrengast Marina Weisband; mit Klaus Frick und den Kollegen von Perry Rhodan, außerdem allen, die ihren Stand wie immer um Umfeld der Leseinsel hatten: Feder&Schwert, Torsten Low, Uschi Zietsch, natürlich WerkZeugs und und und. Ich habe meine Illustratorin Karin Graf in der Menge getroffen, dazu viele alte Freunde, Schriftstellerkollegen und Teilnehmer meiner Leserunde. Wie immer habe ich es dabei aber nicht geschafft, mit meinen Kräften richtig zu haushalten … und wie immer gab es noch so viel mehr, was ich hätte machen können und wollen.

Das hier soll aber der “Licht”-Beitrag zu Messe werden. Vielleicht schiebe ich in der Gazette noch einen Beitrag zum “Schatten” nach.

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Zum Buch noch ein Update: Die Karte “Länder der mittleren und näheren Welt” ist Dank des Hinweises eines Freundes und des beherzten, super-schnellen Eingreifen des Verlags jetzt auch im E-Book enthalten. Theoretisch müssten Kunden, die das Buch bei Amazon, Apple oder sonst wo kauften, in Kürze kostenlos die aktualisierte Version des Files herunterladen können (sonst hat sich nichts geändert). Alternativ kann man die Karte natürlich auch einfach extra herunterladen, da sie die meisten Reader ohnehin vor eine Herausforderung stellen dürfte: Zum Beispiel hier im Blog in der frisch umgebauten Downloads-Sektion (als .jpg) oder beim Verlag selbst (als .pdf): Das Licht hinter den Wolken.

Endspurt

Letzte Woche kamen die restlichen Belegexemplare. Es ist immer ein surrealer Anblick, wenn auf einmal stapelweise identische Bücher vor einem liegen, und man weiß, dass in jedem davon der Text steht, den man die letzten Jahre in- und auswendig gelernt hat.


Also gab es eine kleine Signierrunde für meine Testleser und die Gewinner hier im Blog, bei der mir die Glasfeder, die ich letztes Jahr im Phantopia geschenkt bekam, gute Dienste leistete. Die Bücher sind jetzt auf dem Weg.

Ab Donnerstag kann man das Buch dann, wie’s so schön heißt, “überall” erstehen. Wenn ihr mir einen Gefallen tun mögt, dann kauft’s in einer Buchhandlung. Nicht nur, um die zu unterstützen: Wenn eine Buchhandlung das Buch vielleicht mehrfach bestellt und es ausliegt, ist das immer ein Bonus.

Am selben Tag fahre ich nach Leipzig, um das Buch vorzustellen. Seit 2007 war ich jetzt jedes Jahr dabei, aber dieses Jahr wird wahrscheinlich das wichtigste seit 2010, als die “Magier” erschienen. Auch diesmal gibt es drei Lesungen, zwei davon auf der Messe, und ich habe einen gut gefüllten Terminkalender an Leuten, die ich treffen muss und möchte. Nächste Woche werde ich ein paar Eindrücke schildern.

Gewinner

Das Gewinnspiel ist vorbei! Ich weiß nicht, wie viele Leute sich insgesamt daran versucht haben, aber ich habe 3 richtige Einsendungen bekommen. Das scheint auf den ersten Blick nicht schrecklich viel, aber ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis. Schließlich wollte ich ja auch vor allem die regelmäßigen Leser meines Blogs damit ansprechen.

Ich habe deshalb auch darauf verzichtet, einen Gewinner auszulosen. Das heißt, alle drei Teilnehmer bekommen ein Buch! Ich habe nur die Reihenfolge ausgewürfelt:

VIII Caro IX Marny X Alessandra

(Lustigerweise ist das auch genau die Reihenfolge des Eingangs eurer Mails. Ich fühle mich also bestätigt.)

Schickt mir bitte schon mal eure Adressen, und ob ich die Widmung so wie oben oder anders schreiben soll. Die Bücher gehen dann zur Post, sobald ich sie habe. Alternativ können wir auch für Leipzig etwas ausmachen. Ich wünsche euch allen viel Spaß damit!

Ach, und … So sieht es aus:

Das ist die Nummer I, die mich zum Wochenende vorab erreicht hat. Ich war hin und weg, besonders aufgrund einiger Kleinigkeiten, die ich noch nicht gewusst hatte: der Prägedruck und der leichte Metallic-Effekt der Schrift; der schwarze Buchdeckel; das Papier, das sich echt gut anfühlt. Auch die Karte und die Illustrationen sind super zur Geltung gekommen. Ganz unbescheiden muss ich sagen, 25 Euro für ein Buch sind zwar hart, aber wenn man sich die Ausstattung ansieht, die Klett-Cotta hier auffährt, ist es das wirklich wert. Und da das Ebook wie üblich erst mal absurd teuer sein wird, würde ich empfehlen, schon mal ein paar cm Platz im Regel zu machen …

Was gab es letzte Woche sonst noch Neues? Ich habe ein Interview bei Sean O’Connell gemacht. In Leipzig gibt es noch eine Lesung in der Chocolaterie, und in Speyer nächsten Monat in der LaBi.